Negativzinsen – Hintergründe, Prognosen und Alternativen

Seit mittlerweile einigen Monaten wird am Finanzmarkt immer häufiger von den sogenannten Negativzinsen gesprochen. Stein des Anstoßes war eine Entscheidung der Europäischen Zentralbank, die bereits Mitte 2014 erstmals eine Art Strafzins für Banken eingeführt hat, die zu hohe Guthaben auf dem eigenen EZB-Konto deponiert haben. Diese Strafzinsen werden etwas milder ausgedrückt als Negativzinsen bezeichnet und sind mittlerweile nicht mehr ausschließlich für Banken ein Thema, sondern immer häufiger auch für Unternehmen als Bankkunden. Selbst nicht wenige Privatkunden befürchten mittlerweile, zukünftig ebenfalls Strafzinsen auf größere Guthaben bei den Banken zahlen zu müssen. Doch ist diese Einschätzung wirklich realistisch? Was sind die Hintergründe der Negativzinsen, wie sehen Experten die Prognose für die Zukunft und gibt es eine Alternative für Anleger?

Aktuelle Situation: Negativzinsen in Deutschland bei 0,3 Prozent

Wenn hierzulande von den Negativzinsen gesprochen wird, dann ist damit in erster Linie der sogenannte Strafzins gemeint, den Banken für ihre Guthaben bei der Europäischen Zentralbank zahlen müssen. Dieser Zinssatz bewegt sich seit geraumer Zeit auf einem Niveau von 0,3 Prozent. Konkret heißt das, dass Kreditinstitute für Guthaben, die sich auf den EZB-Konten zur Verrechnung befinden, keine Zinsgutschrift erhalten, sondern an die Europäische Zentralbank einen Zinssatz von 0,3 Prozent zahlen müssen. Dieser Strafzins kommt dadurch zustande, dass alle Banken bei der EZB ein Konto besitzen, auf dem sie überschüssiges Kapital im kurzfristigen Bereich anlegen.

Dieses Kapital resultiert daraus, dass die Banken in aller Regel mehr Anlagekapital von den Kunden herein nehmen, als sie auf der anderen Seite als Kredit verleihen können. Da die Kreditinstitute unter Umständen allerdings schnell an dieses überschüssige Geld herankommen müssen, deponieren Sie es in der Regel meistens nur über Nacht auf ihrem Konto bei der Europäischen Zentralbank. Da durch diese Kontoguthaben Geld gebunden wird, welches die Europäische Zentralbank lieber dem Markt zuführen würde, wurde Mitte 2014 erstmals der Strafzins in Form der negativen Zinsen erhoben. Somit soll durch die Negativzinsen versucht werden, dass die Kreditinstitute weniger Geld auf Konten halten, sondern stattdessen vermehrt Kredite vergeben.

Hintergrund: Welches Ziel hat die EZB mit den Negativzinsen?

Negativzinsen.info

Mittlerweile ist es nicht nur die Europäische Zentralbank, die Strafzinsen in Form der Negativzinsen erhebt, sondern beispielsweise auch die Zentralbank der Schweiz. Das Ziel der Notenbanken, welches mit dem Erheben der Minuszinsen verfolgt wird, ist im Prinzip immer das gleiche. Es besteht darin, dass die Kreditinstitute dazu ermuntert werden sollten, keine kurzfristigen Gelder auf dem Konto der EZB zu parken, sondern das überschüssige Geld stattdessen in Form von Krediten an Privat- und Gewerbekunden zu verleihen.

Damit soll die Intention der Europäischen Zentralbank unterstützt werden, nämlich dem Markt mehr Geld zuzuführen und somit die Wirtschaft anzukurbeln. Damit soll auch dem aktuellen Problem entgegengetreten werden, welches darin besteht, dass die EZB zwar bereits so viel billiges Kapital wie niemals zuvor bereitgestellt hat, dies letztendlich aber nicht im Wirtschaftskreislauf ankommt, wie es eigentlich gewünscht ist. Dies wiederum führt dazu, dass die Konjunktur in der Eurozone bisher nicht so positiv verläuft, wie es sich die Europäische Zentralbank wünschen würde.

Zusammengefasst sind es demnach die folgenden Gründe und Merkmale, durch die sich die Negativzinsen momentan auszeichnen können:

Banken geben Negativzinsen mittlerweile immer öfter an Kunden weiter

In den Anfängen der Strafzinsen, die durch die Europäische Zentralbank erhoben wurden, zahlten Kreditinstitute diese Zinsen, ohne eine Weitergabe an die Kunden durchzuführen. Dies mit hat sich mittlerweile bei einigen Kreditinstituten geändert, denn inzwischen leiten die Banken die Negativzinsen vor allem an große Unternehmen als Kunden weiter. Allerdings waren es bisher ausschließlich Anleger, die ab einer bestimmten Anlagesumme, die kurzfristig bei den Banken geparkt wurde, mit Strafzinsen belegt wurden. Betroffen davon waren bisher insbesondere größere Unternehmen und auch institutionelle Investoren, wie zum Beispiel Pensionsfonds.

Da diese gewerblichen Kunden häufig Euro-Beträge im sieben- oder sogar achtstelligen Bereich bei den Banken angelegt haben, wurden sie von manchen Kreditinstituten mit Negativzinsen belegt. Aktuell gibt es auf diesem Gebiet insofern eine Erweiterung, als dass die Commerzbank jetzt anscheinend nicht nur Großkunden mit Negativzinsen belasten möchte, sondern darüber hinaus ebenso Firmenkunden aus dem Mittelstand. Bis vor einiger Zeit wurde dies von der Großbank noch ausgeschlossen, sodass sich die Situation jetzt augenscheinlich geändert hat. Einige Experten gehen davon aus, dass das Kreditinstitut zukünftig sowohl bei Mittelständlern als auch einigen weiteren Geschäftskunden negative Zinsen erheben wird.

Seitens der Commerzbank wurde bereits bestätigt, dass bei Firmenkunden, größeren Konzernen sowie Kunden im Bereich öffentlicher Einrichtungen zukünftig ein sogenannter Strafzins berechnet wird. Seitens der Bank wird allerdings nicht von Straf- oder Negativzinsen gesprochen, sondern die Bezeichnung lautet „individuelle Guthabengebühr“. Allerdings betont die Bank auch, dass es nicht das Ziel sei, diese individuelle Guthabengebühr tatsächlich zu erheben. Stattdessen sollen die Kunden vielmehr dazu ermuntert werden, alternative Formen des kurzfristigen Deponierens von überschüssigem Kapital zu finden. Auch aufgrund dieser neuen Entwicklung befürchten nicht wenige Privatkunden mittlerweile, dass auch sie zukünftig bei verschiedenen Banken haben Strafzinsen für kurzfristig angelegtes Guthaben zahlen müssen.

Müssen bald auch Privatkunden Negativzinsen zahlen?

Die eigentliche Ursache der Negativzinsen, die seit mittlerweile mehr als 1,5 Jahren von der Europäischen Zentralbank in Rechnung gestellt werden, ist die schwache Konjunktur in der Eurozone und die damit verbundene Absenkung des Leitzinses, der sich mit 0,05 Prozent auf einem historisch tiefen Niveau bewegt. Die folgende Tabelle zeigt eindrucksvoll, dass es in den letzten rund sieben Jahren eine kontinuierliche Abwärtsentwicklung der Leitzinsen gab.

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Da die Europäische Zentralbank den Leitzinssatz praktisch nicht mehr weiter reduzieren kann, stellen die Negativzinsen eine der noch wenigen verbleibenden Methoden dar, wie die EZB versuchen kann, dem Markt noch mehr Geld zuzuführen und dadurch die Konjunktur anzukurbeln.

Zahlen Privatkunden zukünftig ebenfalls Minuszinsen?

Bisher spricht keine Bank offiziell davon, neben Großkunden und gewerblichen sowie institutionellen Kunden auch für Privatkunden derartige Negativzinsen einzuführen. Dass bisher sowohl Kleinsparer als auch kleinere Unternehmen von Strafzinsen verschont sind, heißt allerdings keinesfalls, dass dies auch zukünftig so bleiben muss. Zwar sind Negativzinsen hierzulande nach wie vor eine Randerscheinung und werden von noch nicht vielen Finanzinstituten erhoben, jedoch gehen einige Experten und Analysten davon aus, dass sich die Kundengruppen immer mehr erweitern können, für die negative Zinsen in der Praxis Realität werden. Allerdings sind sich die meisten Fachleute darüber einig, dass Privatkunden wohl in absehbarer Zeit nicht von Negativzinsen betroffen sein werden.

Dafür sprechen insbesondere die folgenden Fakten und Argumente:

Eine Frage, die sich zahlreiche Privat- und auch Geschäftskunden bezüglich der Weitergabe der Negativzinsen seitens der Banken stellen, besteht darin, ob die Kreditinstitute eigentlich keine andere Möglichkeit haben, überschüssiges Geld anders als auf dem EZB-Konto unterzubringen und den Strafzinsen damit zu entgehen. Auch hier sind sich die Experten relativ einig, nämlich dass es für die Kreditinstitute praktisch keine andere Option gibt. Der Grund besteht darin, dass das überschüssige Geld täglich verfügbar gehalten werden muss, falls es beispielsweise in größerem Umfang für Kredite genutzt werden muss. Eine adäquate Alternative zu den täglich verfügbaren Guthaben auf dem EZB-Konto gibt es in der Praxis nicht, zumal beispielsweise die Tagesgeldanlage unter den Banken selbst erheblich zurückgegangen ist. Zudem sieht es kein Kreditinstitut heute mehr gerne, dass andere Banken bei ihm größere Guthaben auf den Konten deponiert haben. Dies würde nämlich wiederum dazu führen, dass das kontoführende Kreditinstitut seinerseits Strafzinsen an die Europäischen Zentralbank zahlen müsste.

Wie wirken sich die Negativzinsen bei den betroffenen Banken aus?

Auch wenn bisher noch die meisten Experten der Auffassung sind, dass Privatkunden auch zukünftig nicht von Strafzinsen in Form der Negativzinsen betroffen sein werden, so gibt es dafür keine Garantie. Zudem existieren durchaus einige Fachleute und Analysten, die nicht ausschließen wollen, dass auch der Kleinanleger im nächsten oder übernächsten Jahr mit Strafzinsen belastet wird. Insbesondere unter der Voraussetzung, dass die Konjunktur in der Europäischen Union weiterhin sehr schleppend verläuft und keine weiteren Zinssenkungen beim EZB-Leitzins mehr möglich sind, könnte dieses Szenario durchaus noch eintreten. Sollte sich also beispielsweise in diesem und im kommenden Jahr keine positive Wirtschaftsentwicklung auf breiter Ebene zeigen, könnte die Europäische Zentralbank gezwungen sein, noch höheren Negativzinsen zu berechnen.

Dies wiederum dürfte immer mehr Banken dazu verleiten, nicht nur größeren Unternehmen und mittelständischen Gewerbekunden Negativzinsen in Rechnung zu stellen, sondern dieses System ebenfalls auf die große Masse der Privatkunden auszuweiten. Zwar hat der einzelne Kleinanleger häufig nur wenige Tausend Euro kurzfristig als Guthaben deponiert, jedoch macht es hier natürlich vor allem die große Masse an Privatkunden. Hat eine Bank beispielsweise 500.000 Kunden, die durchschnittlich 1.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto angelegt haben, so geht es insgesamt immerhin um eine Gesamtsumme von einer halben Milliarde Euro. Bei einem aktuell für die Banken gültigen Negativzins von 0,3 Prozent müsste die Bank in diesem Beispiel also jährlich durchschnittlich Zinsen in Höhe von immerhin 1,5 Millionen Euro zahlen.

Den Negativzinsen entgehen oder vorbeugen: Welche Alternativen gibt es?

Insbesondere Großunternehmen und zukünftig wohl auch Unternehmen aus dem mittelständischen Bereich sollten den bereits berechneten oder drohenden Negativzinsen nicht kritiklos gegenüberstehen und diese akzeptieren, sondern vielmehr nach Alternativen suchen. Es geht also darum, Anlageformen zu finden, bei denen keine Strafzinsen berechnet werden. Allerdings ist die Auswahl an Alternativen nicht besonders groß, denn um eine private Lösung darstellen zu können, müssen diese Anlageformen einige Voraussetzungen erfüllen können, wie zum Beispiel:

In der Praxis muss sicherlich differenziert werden, ob es sich bei den betroffenen Kunden um größere bzw. mittelständische Unternehmen oder um Privatkunden handelt. Den Unternehmen raten Experten und Analysten beispielsweise vermehrt dazu, keine größeren Guthaben mehr zu halten, die mit Negativzinsen belegt sind. Stattdessen ist es empfehlenswert, insbesondere aufgrund der niedrigen Kreditzinsen vermehrt in das eigene Unternehmen zu investieren. Darüber hinaus wäre es aktuell ein idealer Zeitpunkt, um am Markt zu expandieren oder sogar Konkurrenten zu übernehmen. Mit diesen empfohlenen Investitionen würde gleichzeitig das Ziel der Europäischen Zentralbank unterstützt, nämlich die Konjunktur anzukurbeln.

Da Privatkunden natürlich nicht in ein eigenes Unternehmen investieren können, muss nach anderen Alternativen gesucht werden. Hier raten viele Experten beispielsweise dazu, die eigene Anlagesituation kritisch zu überprüfen. So gibt es beispielsweise nach wie vor zahlreiche Millionen Sparer, die sogar größere Guthaben sehr renditeschwach auf Spar-, Tagesgeld- oder Festgeldkonten deponiert haben. In vielen Fällen ist diese kurzfristige Anlage gar nicht notwendig, da das angelegte Kapital meistens für viele Monate oder sogar Jahre entbehrt werden kann.

Unter diesen Voraussetzungen gibt es durchaus einige Alternativen, die für Privatkunden infrage kommen und keinesfalls mit Negativzinsen belegt werden. Zu nennen sind hier beispielsweise:

Im Prinzip sind es also nahezu alle Anlageformen außer Bankguthaben, die eine echte Alternative darstellen können. Darüber hinaus haben insbesondere Sachwertanlagen aktuell den positiven Nebeneffekt, dass sie vor einer eventuellen Inflation schützen und auch nur in vergleichsweise geringem Umfang abhängig von der konjunkturellen Entwicklung und der Zinsentwicklung am Markt sind.

Fazit zu den Negativzinsen

Der Finanzmarkt zeichnet sich aktuell nicht nur durch ein sehr niedriges Zinsniveau aus, sondern immer öfter werden in der Praxis auch sogenannte Negativzinsen von den Banken realisiert. Der Hintergrund ist, dass die Kreditinstitute selbst schon seit geraumer Zeit für auf dem EZB-Konto bestehende Guthaben an die Europäische Zentralbank Strafzinsen zahlen müssen. Sowohl betroffene Geschäftskunden als auch möglicherweise zukünftig ebenfalls betroffene Privatkunden können den Negativzinsen jedoch entgehen, indem sie Alternativen nutzen.

Für Privatkunden eignen sich hier insbesondere Aktien, Fonds oder Sachwertinvestments, da diese nicht mit Strafzinsen belegt werden können. Aber auch unabhängig von etwaigen Minuszinsen ist es gerade Privatanlegern zu empfehlen, überschüssiges Kapital möglichst nur in dem Volumen kurzfristig zu parken, wie es tatsächlich jederzeit abrufbar sein muss. Längerfristig verfügbares Kapital sollte hingegen auch mittel- und langfristig angelegt werden, da dann meistens eine bessere Rendite als beispielsweise beim Tagesgeld zu erzielen ist.

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Bild: © Depositphotos.com / InTheFlesh

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